Wohnen am See

Sanft glitzert das Wasser in der Morgensonne. Immer wieder lässt der Wind kleine Wellen über die ansonsten dunkle Fläche tanzen. Mit dem vertrauten kling, kling klicken die Segel des kleinen Bootes gegen den Mast. Weiss glänzend schaukelt es am Steg auf und ab. Es verspricht, ein heisser Sommertag zu werden.

Wie gut, dass das alte Haus am See dicke Mauern aus Stein hat. Selbst wenn die Temperaturen draussen die 30-° C-Marke überschreiten, bleibt es drinnen angenehm kühl.

Die Stimmung ist ruhig und friedlich. Die knorrigen Obstbäume spenden willkommenen Schatten. Sanft rascheln ihre zahllosen grünen Blätter im Wind.

Der Sommer ist nicht mehr jung. Es sind bereits viele Wochen vergangen, in denen die kräftigen Strahlen der Sonne das Wasser des Sees erwärmt haben.

Dennoch, seine endlos wirkenden Fluten sind noch immer angenehm kühl. Vom Hinterausgang bis zum Steg sind es nur wenige Schritte. Es ist ein lieb gewonnenes Morgenritual der Bewohnerin.

Fern ab von Touristenströmen und Schwimmbadlärm dreht sie Tag für Tag ihre Runden im tiefen, dunklen Wasser.

Einsam und ruhig, nur kritisch beäugt von einem zerzausten Haubentaucher. Doch auch dieser ist den Anblick mittlerweile gewöhnt und lässt sich nicht weiter beirren. Bald schon beginnt er wieder mit seinem munteren Auf und Ab.

Noch zwei kräftige Züge und die Schwimmerin ist wieder am Ufer angelangt. Mit tropfenden Haaren und rundum erfrischt steigt sie aus dem Wasser.

Sie liebt diese stillen Morgenstunden, wenn alle anderen Bewohner das Haus bereits verlassen haben. Der See begleitet sie durch den Tag. Während sie in der Küche am Herd steht, schweift ihr Blick in die Ferne. Das kleine Küchenfenster geht direkt auf den See hinaus. Während der Gartenarbeit weht eine stetige frische Brise herüber und trägt die Rufe der Wasservögel herbei.
Nachmittags kehrt wieder Leben ein im Haus am See. Dann kommen die beiden jüngsten Bewohner nach Hause.

Der ältere schmeisst seinen Schulranzen in die Ecke und läuft direkt auf den Steg. Den ganzen Vormittag hat er sich schon auf seine Segelrunde gefreut. Mit wenigen geschickten Handgriffen sind die Segel gehisst und die Taue gelöst.

Schnell trägt der Wind das kleine Boot auf den See hinaus. Der gesamte Stress des Schulalltags scheint schon nach wenigen Augenblicken von dem kleinen Kapitän abzufallen.

Sein jüngerer Bruder lässt es ruhiger angehen. Doch auch sein Ziel sind die Ufer des Sees. Mit baumelnden Beinen lässt er sich nieder auf dem rauen Holz des Stegs.

Mit elegantem Schwung wirft er seine kurze Angel aus und schaut verträumt auf den schaukelnden Schwimmer.

Das Wohnen am See lässt diesen zum Lebensmittelpunkt werden.

Die weiten Fluten sind Anlaufpunkt und Ruhepol, Entspannung und Erfrischung und vertreiben Stress und Langeweile.

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